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Hans Christian Andersen und Deutschland

 

Reisen im Zeichen der Kontaktfreude


Hans Christian Andersens erste Auslandsreise im Jahre 1831 war eine literarische Entdeckungsreise durch das Deutschland der Romantiker. Sein Reisebudget war klein, und dennoch erreichte er im Verlauf dieser Reise ein erstes Mal Dresden und auch Berlin, wo er vom großen deutschen Romantiker Ludwig Tieck den „Dichterkuss“ bekam. Seine mehrfachen Aufenthalte im Deutschland der 1840er Jahre machten ihn schnell zu einem Liebling insbesondere der Kulturszene in Weimar und Berlin.

 

Von Beginn an knüpfte Andersen auf seinen Reisen Kontakte zu deutschen Dichtern und Denkern, so z.B. zu Adalbert von Chamisso, der ihn in Berlin in die literarische Gesellschaft einführte, oder zu dem Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling. Auch Bettina von Arnim, eine alte Freundin Goethes, sowie Amalie Freiherrin von Gross, die unter dem Pseudonym Amalie Winter schrieb, oder auch die Gebrüder Grimm sind in diesem Zusammenhang zu nennen.

Die Reisen in der 1840er Jahren standen für Hans Christian Andersen Jahre im Zeichen weit reichender Kontakte zu deutschen Adels- und sogar Königshäusern. Im Juni 1844 lernt er in Weimar Baron Carl Olivier von Beaulieu-Marconnay kennen, der sich sehr für seine Literatur begeisterte und ihm anbot, einige Zeit in dessen Residenz zu wohnen. Jahre später übersetzten der Baron und Andersen gemeinsam die Oper „Klein Karin“ ins Deutsche.

 

Ebenfalls im Juni 1844 wurde Andersen dem Großherzogpaar zu Sachsen-Weimar vorgestellt – der Beginn einer langen und herzlichen Freundschaft. Ende Juli desselben Jahres besuchte Hans Christian Andersen zum ersten Mal Major Friedrich Anton Serre und dessen Familie auf Gut Maxen. In den folgenden Jahren entstand daraus eine tiefe Freundschaft zur gesamten Familie Serre, und Andersen kehrte später immer wieder gerne in die Vertrautheit zurück, die ihm auf Gut Maxen entgegengebracht wurde.

Im Dezember 1845 wurde der dänische Dichter vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. zur Tafel geladen, und im Juni 1852 erhielt er eine Einladung von König Maximilian von Bayern zu einer Bootstour auf dem Starnberger See. Hans Christian Andersen las auf Bitten des Königs aus seinen Märchen vor, und schon wenige Tage später folgte eine Audienz bei König Ludwig, dem Vater von König Maximilian. Auch im darauf folgenden Jahr arrangierte König Max eine Ausfahrt und bat den Dichter, ihn zu besuchen, wann immer er in Bayern sei.

Doch auch Maler und Musiker zählten zu den Berühmtheiten in Andersens Freundes- und Bekanntenkreis. So hatte der Dichter 1840 Felix Mendelssohn-Bartholdy im Leipziger Gewandhaus aufgesucht und lernte später auch dessen Familie kennen. Im Sommer 1844 war er Andersen erstmals Gast bei einer Abendgesellschaft der Eheleute Clara und Robert Schumann – im Laufe der Jahre folgte noch mancher Abend mit Diner und Hausmusik im kleinen Kreise. 1852 lernte Andersen Franz Liszt und dessen Lebensgefährtin, die Fürstin zu Wittgenstein, kennen. Liszt zeigte Interesse an Andersens Opern und entschied sich später dafür, die Musik zur Oper „Klein Karin“ zu schreiben.

Die vielen Deutschlandreisen des dänischen Dichters zwischen 1831 und 1873 standen von Anfang an im Zeichen seiner Kontaktfreude, und Andersen liebte es, die neuen Kontakte und Freundschaften durch regelmäßige Besuche zu pflegen. Im Laufe der Jahre konnte er durch bessere Reisestipendien und später auch durch die Erträge seines literarischen Durchbruchs im Deutschland der 1850er Jahre seiner Reiselust mit einer größeren Freiheit nachkommen, als das zu Beginn der Fall war. 1873, nur zwei Jahre vor seinem Tod, unternahm er, gesundheitlich angeschlagen, seine letzte Reise nach Deutschland und besuchte u.a. seinen Münchener Freund, den Maler Wilhelm von Kaulbach.


Stationen eines literarischen Durchbruchs

Die erste deutschsprachige Übersetzung eines Textes von Hans Christian Andersen war sein Gedicht „Das sterbende Kind“, das 1831 im Flensburger Wochenblatt gedruckt wurde. In den vier darauf folgenden Jahren wuchs das Interesse an seiner Lyrik, die ins Deutsche übersetzt und in Zeitschriften und Wochenblättern veröffentlicht wurde.

1835 kam es zur ersten Veröffentlichung eines Prosatextes von Andersen. Unter dem Titel „Jugendleben und Träume eines italienischen Dichters“ wurde sein erster Roman auch in Deutschland herausgegeben. Die Kritiker analysierten interessiert seinen Schreibstil, und die Folge waren viele gute Kritiken. Als Hans Christian Andersen 1836 die Reiseschilderungen seiner ersten Deutschlandreise veröffentlichte, war das Interesse seitens der Literaturkritiker gering. Doch bereits im Folgejahr 1837 sollte das Interesse durch die Veröffentlichung des Romans „O.T.“ wieder geweckt werden: Das Spektrum der Kritik reichte dieses Mal von vernichtenden Kommentaren bis zu sehr lobenden Äußerungen.

1838 folgte mit „Nur ein Geiger“ ein Buch, das in seiner Mischung aus Fakten und Fiktion die Leserschaft fesselte und in großem Maße an der Mythenbildung um die Figur des „begnadeten Geschichtenerzählers aus ärmsten Verhältnissen“ beteiligt war. 1839 wurde schließlich Andersens erste deutschsprachige Märchensammlung veröffentlicht. Der Erfolg dieser Sammlung hielt sich jedoch in Grenzen, hatte sie doch den wohl nicht die gesamte Leserschaft ansprechenden Titel „Märchen und Erzählungen für Kinder“.
 

Hans Christian Andersens bis heute gern gelesenes Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ wurde 1840 zunächst im Stil einer Fortsetzungsgeschichte in zwei literarischen Zeitschriften veröffentlicht. Die Resonanz war groß, und in den darauf folgenden Jahren wurden immer wieder einzelne seiner Märchen in deutschen Zeitschriften und Wochenblättern gedruckt. Unter dem Titel „Bilderbuch ohne Bilder“ kam es in den Jahren 1841, 1842 und 1844 zur Veröffentlichung von Sammlungen kleiner Prosastücke, die ein wahrer Erfolg wurden. Doch erst mit der Veröffentlichung seiner dritten Märchensammlung „Neue Märchen und Erzählungen für Kinder“ (1845) gelang Andersen der endgültige Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt.

1847 erschien Andersens Autobiographie unter dem Titel „Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung“, ein Werk, das der Dichter auf Aufforderung seines Verlegers geschrieben hatte. Mit dem großen Erfolg seiner Märchen rückten schließlich auch Andersens Gedichte wieder in den Blickpunkt des Interesses: 1847 erschien erstmals die Zusammenstellung „Gesammelte Gedichte“. In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Neuauflagen seiner Märchen und Gedichte – ein Trend, der sich bis in die heutige Zeit fortgesetzt hat.
 

Die Hans Christian Andersen-Rezeption in Deutschland

Die Reaktionen auf seine Veröffentlichungen in Deutschland haben Hans Christian Andersen Zeit seines Lebens immer wieder überrascht. In seinen Tagebuchaufzeichnungen und insbesondere im Austausch mit seiner langjährigen Oldenburger Brieffreundin Lina von Eisendecher wird dies deutlich erkennbar. Im stetigen Vergleich mit der Bewertung seiner Werke im Heimatland Dänemark kam es oft zu Bemerkungen wie dieser: „(...) ich fühl es wohl, ich werde überschätzt im Auslande, grad so viel, wie ich werde nicht erkannt im Vaterlande.“ Die so positive deutsche Resonanz wurde für den Dichter mehr als einmal zum Prüfstein für sein Verhältnis zur Heimat. Schließlich stieß er im dortigen Kritikerkanon weit häufiger auf negative Reaktionen.

Die Andersen-Rezeption war in Deutschland von Beginn an ein zweiseitiges Phänomen. Auf der einen Seite standen die vielen Freunde, die der dänische Dichter im Verlauf seiner Deutschlandreisen gewann und die ihn immer wieder zum Vorlesen ihrer individuellen Lieblingstexte aufforderten. Die Reaktionen waren dann stets Begeisterung und Faszination, nicht selten glichen sie einer Vergötterung. Adlige wie der König von Preußen oder der Großherzog zu Sachsen-Weimar ließen sich ihre persönlichen Favoriten aus dem großen Vorrat an Märchen und Erzählungen vorlesen, und auch in der deutschen Kulturszene wurde der Dichter zum wandelnden literarischen Event.
 


Auf der anderen Seite wies die Andersen-Rezeption in Deutschland aber auch eine wissenschaftlich-literaturkritische Betrachtung seiner Werke auf, die in Literaturzeitschriften und Wochenblättern stattfand. Doch auch auf dieser anderen, weniger emotionalen Seite der Rezeption überwog das Lob. Als es darum ging, den Neuling auf dem literarischen Markt einzuordnen, wurden u.a. Vergleiche zu E.T.A. Hoffmann gezogen.
 

Inspirationen aus dem "zweiten Vaterland"

Durch den Besuch deutschsprachiger Inszenierungen am Theater von Odense entwickelte Hans Christian Andersen von Kindesbeinen an ein Verhältnis zur deutschen Sprache. Als Schüler las er Heinrich Heine und E.T.A. Hoffmann. Sein Poesiealbum aus jenen Tagen ist zu zwei Dritteln mit Abschriften von deutschen Dichtern wie Goethe, Schiller, Jean Paul, Wieland, Tieck, Gellert und Lessing – und natürlich Heine und Hoffmann gefüllt. Andersen  zeigte sich also bereits als Schüler durch deutsche Dichter beeindruckt – seine ersten veröffentlichten Gedichte gelten als Zeugnisse dieser Prägung.

Die Eindrücke seiner ersten Deutschlandreise im Jahre 1831 schildert Hans Christian Andersen äußerst anschaulich in der Reiseschilderung „Schattenbilder einer Reise in den Harz, die Sächsische Schweiz etc. etc.“.

Auch die nachfolgenden Reisen nach Deutschland inspirierten Andersen durch die Begegnung mit der Vielfalt der Landschaften und Kulturen. Im Verlauf seiner ersten langen Bildungsreise 1833 und 1834 kam es in München zu einer Begegnung mit dem Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling, der als Begründer der romantischen Naturphilosophie gilt. Die Vorstellung Schellings von der beseelten und geistig dynamischen Natur spiegelt sich eindrucksvoll in Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ wider.

Doch auch an anderer Stelle und zu einem Zeitpunkt, als die Reisen in die deutschen Kulturhauptstädte bereits einer routinierten Kontaktpflege entsprachen, zeigte der dänische Dichter sich noch beeindruckt: nach dem Besuch der Uraufführung von Goethes „Faust“ Teil II versank er tagelang in der Lektüre des Stückes. Später fand dies in Andersens „Sein oder nicht sein“ seinen Niederschlag: die Bearbeitung des Faust-Stoffes durchzieht den Roman als eine Art Leitmotiv.

Aber Inspiration hat Hans Christian Andersen wohl nicht allein in den vielen visuellen Eindrücken oder im literarischen Kulturgut Deutschlands gefunden; vielmehr spielte auch die Musik eine große Rolle. Ob während eines Abends mit Hausmusik bei Clara und Robert Schuhmann oder in den konzertanten Aufführungen Franz Liszts – Andersen reagierte stark auf musikalische Erlebnisse, und nicht selten war seine Stimmung durch sie grundlegend beeinflusst. Nach dem Besuch der Wagner-Oper „Der Tannhäuser“ in München schreibt Andersen in sein Tagebuch: „Die großartige Musik erfüllte mich.“ – Eine aussagekräftige Reaktion jenes Dichters, dessen Zuversicht ins eigene Literatenschicksal nicht selten ganz und gar von seiner Stimmungslage abhängig war.

Text: Juliane Steffen

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